People in an AR lab exploring an augmented reality application for precise navigation and digital orientation in urban space.

Ausblick: Wie intelligente AR-Navigation Städte verändern könnte

30. März 2026

Für viele Menschen ist Augmented Reality noch immer vor allem mit Spielen, Filtern oder technischen Gimmicks verbunden. Dabei hat sich eine viel grundlegendere Frage aufgetan: Wie verändert sich der Stadtraum, wenn digitale Informationen nicht mehr auf einer Karte gesucht werden müssen, sondern direkt im Blickfeld erscheinen?

Genau hier setzt aktuelle Forschung an. Im Projekt „Ariadne“ arbeiten das Unternehmen SWcode aus Soest und Forschende der Hochschule Hamm-Lippstadt an einer neuen Form der Navigation auf Basis von Augmented Reality, kurz AR. Das Ziel ist nicht einfach eine weitere Navigations-App. Es ist ein System, das präziser, flexibler und näher am Alltagsgebrauch sein soll als viele bestehende Lösungen – und das gleichzeitig neue Möglichkeiten für Barrierefreiheit, städtische Information und den innerstädtischen Handel eröffnet.

Was Augmented Reality für die Navigation leisten kann

Augmented Reality bezeichnet Technologien, die digitale Inhalte über die reale Welt legen. Auf einem Smartphone kann das ein virtueller Pfeil sein, der auf dem Gehweg erscheint. In Zukunft könnten AR-Brillen solche Hinweise direkt im Sichtfeld der Nutzenden anzeigen.

Das ist besonders relevant für die Navigation, weil Orientierungsprobleme häufig nicht durch fehlende Karten entstehen, sondern durch die Übersetzung von Karteninformationen in reale Bewegung. Wo genau muss man abbiegen? Welcher Eingang ist der richtige? Welche Route lässt sich gut zu Fuß bewältigen? Herkömmliche Kartenansichten erfordern eine ständige Interpretation zwischen Bildschirm und Umgebung. AR kann diese Lücke verringern.

Die Grundidee lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Augmented Reality setzt Navigationshinweise genau dort, wo sie gebraucht werden. Das kann Routen verständlicher machen und die Orientierung im Stadtraum verbessern.

Im Projekt „Ariadne“ wird dieses Konzept systematisch weiterentwickelt. Ziel ist ein hochpräzises Navigationssystem, das Routenführung mit visuellen und akustischen Informationen verbindet. Navigation kann so auch zu einer Form digitaler Stadtführung werden. Kontextbezogene Informationen lassen sich ergänzen – etwa zu Sehenswürdigkeiten, Einzelhandelsangeboten oder Points of Interest entlang einer Route.

Augmented Reality in Forschung und Praxis

Warum Präzision und Personalisierung im Stadtraum wichtig sind

Wer zu Fuß durch eine Innenstadt navigiert, hat andere Anforderungen als jemand im Auto. Kleine Standortfehler können schnell zu Verwirrung führen. Schon eine Abweichung von wenigen Metern kann dazu führen, dass ein Abbiegehinweis zu spät erscheint oder auf die falsche Straßenseite zeigt. Präzision in der Fußgängernavigation ist daher kein technisches Detail, sondern eine zentrale Anforderung für die Nutzbarkeit.

Hinzu kommt ein zweites Problem: Nicht jede gute Route ist für jede Person gleich gut. Eine Route, die für eine Person kurz und angenehm wirkt, kann für eine andere ungeeignet sein. Hier liegt das erhebliche Potenzial personalisierter AR-Navigation.

Eine barrierefreie Route kann beispielsweise Gehwege mit wenig Gefälle, abgesenkte Bordsteine oder einfachere Übergänge priorisieren. Das ist besonders relevant für Menschen mit Seh- oder Mobilitätseinschränkungen. Aber auch andere Präferenzen können berücksichtigt werden – etwa kinderwagenfreundliche Wege oder abends besser beleuchtete Straßen.

Die Frage „Kann Augmented Reality barrierefreie Navigation unterstützen?“ lässt sich klar beantworten: Ja, wenn das System Umgebungsdaten mit individuellen Anforderungen verknüpft. Navigation wird dann nicht nur präziser, sondern auch kontextsensitiver.

Das ist besonders für Städte relevant. Digitale Infrastruktur wird wertvoll, wenn sie unterschiedliche Bedürfnisse abbildet. AR-Navigation kann zu einem Instrument werden, das Orientierung, Teilhabe und Komfort verbindet.

Digitale Gesundheit und inklusive Technologien

Forschung statt Tech-Demo: Was Ariadne untersucht

Viele AR-Anwendungen wirken auf den ersten Blick überzeugend. Ob sie im Alltag tatsächlich funktionieren, steht auf einem anderen Blatt. Das Feld ist noch relativ jung, und praktische Belege aus realen städtischen Umgebungen sind begrenzt. Deshalb ist sorgfältige empirische Forschung ebenso wichtig wie technische Entwicklung.

Im Projekt „Ariadne“ werden Labor- und Feldstudien unter der Leitung von Prof. Jan-Niklas Voigt-Antons an der Hochschule Hamm-Lippstadt in Kooperation mit SWcode durchgeführt. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Frage, ob AR technisch machbar ist. Entscheidend ist, welche Arten der Darstellung von Nutzenden tatsächlich verstanden, akzeptiert und bevorzugt werden.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Juliane Henning präsentierte erste Ergebnisse aus diesen Studien. Das Team untersuchte unter anderem, welche digitalen Wegführungshinweise am effektivsten sind. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht jedes visuelle Leitelement gleich gut funktioniert. Eine besonders interessante Erkenntnis: Viele Nutzende reagierten positiv auf eine ungewöhnliche Lösung – einen digitalen Hund an der Leine, der sie zum Ziel führt. Dieses Beispiel zeigt, dass gute Nutzerführung nicht zwingend auf Pfeile und Standardicons angewiesen ist. Entscheidend ist, was sich intuitiv anfühlt und Menschen hilft, sich beim Gehen zu orientieren, ohne sie zu überlasten.

Auch Warnungen und Umgebungshinweise wurden untersucht. Wie sollen Hinweise auf reale Gefahren dargestellt werden? Wann helfen akustische Signale, und wann wirken sie ablenkend? Diese Fragen sind zentral für das, was als User Experience bezeichnet wird – die Art und Weise, wie Menschen ein System in der praktischen Nutzung wahrnehmen, verstehen und bewerten, emotional wie funktional.

Die Frage „Welche AR-Hinweise funktionieren im Alltag am besten?“ hat daher keine universelle Antwort. Am effektivsten sind in den meisten Fällen jene Hinweise, die leicht zu verstehen, situationsangemessen und kognitiv unaufdringlich sind. Genau das muss in empirischen Studien getestet werden.

Welche Chancen das für Innenstädte und den Einzelhandel bietet

Besonders interessant wird es, wenn diese Forschung auf konkrete städtische Herausforderungen angewendet wird. Innenstädte stehen seit Jahren unter wachsendem Druck. Digitale Dienste, verändertes Konsumverhalten und neue Mobilitätsmuster beeinflussen, wie Menschen Einkaufsstraßen durchqueren.

Im Rahmen einer Bachelorarbeit untersucht Kevin Masic daher, wie Augmented Reality eingesetzt werden kann, um Fußgängerinnen und Fußgänger gezielter durch das städtische Einzelhandelsumfeld zu führen. Ausgangspunkt ist ein in vielen Städten bekanntes Problem: Während Haupteinkaufszonen viel Publikumsverkehr anziehen, bleiben angrenzende Nebenstraßen oft unbeachtet – selbst wenn sie attraktive Geschäfte und Angebote bieten.

AR könnte hier neue Impulse setzen. Wenn digitale Hinweise Fußgängerinnen und Fußgänger kontextsensitiv ansprechen, lassen sich Routen durch die Stadt anders gestalten. Mögliche Ansätze sind visuelle Impulse, kleine narrative Elemente oder gezielte Informationen zu Geschäften, Veranstaltungen oder besonderen Orten.

Die zugrundeliegende Forschungsfrage ist hochrelevant: Kann Augmented Reality Menschen dazu bewegen, ihre gewohnte Route zu verlassen und neue Teile der Innenstadt zu entdecken? Feldstudien in Lippstadt sollen erste Antworten liefern. Mit einem Prototyp werden verschiedene Routen und Reizdesigns in der realen städtischen Umgebung getestet.

Das ist nicht nur für den Einzelhandel relevant, sondern auch für Stadtmarketing und Tourismus. AR liefert nicht nur Informationen – sie kann Aufmerksamkeit im Raum lenken. In diesem Sinne wird die Technologie zu einem Instrument digitaler Stadtgestaltung, vorausgesetzt, sie bleibt verständlich, freiwillig nutzbar und an einen echten Mehrwert geknüpft.

Quality of Experience in digitalen Systemen

Pressemitteilung: AR-Navigation in Lippstadt (Stadt Lippstadt)

Warum ein offenes, herstellerunabhängiges Modul wichtig ist

Ein Aspekt solcher Projekte wird oft unterschätzt: technische Interoperabilität. Innovative Forschung entfaltet nur dann breite Wirkung, wenn Ergebnisse nicht als isolierte Prototypen verbleiben. Deshalb ist das Ziel eines freien, herstellerunabhängigen, offen verfügbaren Softwaremoduls besonders wichtig.

Ein solches Modul könnte mit vergleichsweise geringem Aufwand in bestehende Anwendungen integriert werden – etwa in Tourismus-Apps oder kommunale Informationssysteme. Das senkt Zugangshürden und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Forschungsergebnisse über das Labor hinaus praktisch genutzt werden.

Die zentrale Antwort auf die Frage „Warum ist ein offenes AR-Modul für Städte und digitale Projekte nützlich?“ ist einfach: weil es Innovation übertragbar macht. Statt für jede Anwendung ein neues eigenständiges System zu entwickeln, können bestehende digitale Dienste erweitert werden.

Das ist besonders im öffentlichen Sektor wichtig. Städte und Institutionen brauchen Lösungen, die langfristig nutzbar, anpassbar und wirtschaftlich tragfähig bleiben. Offenheit und Herstellerunabhängigkeit sind daher nicht nur technische, sondern auch strategische Merkmale.

Fazit: Der Stadtraum wird digitaler – aber nur Forschung macht ihn besser

Augmented Reality hat das Potenzial, die Art und Weise, wie Menschen Städte navigieren, erheblich zu verändern. Sie kann Routen präziser machen, barrierefreie Mobilität unterstützen, kontextbezogene Informationen integrieren und neue Verbindungen zwischen Stadtraum, Handel und Tourismus schaffen. Aber der Erfolg solcher Systeme hängt nicht allein von der Technologie ab.

Entscheidend ist, wie Menschen diese Systeme erleben, ob die Hinweise verständlich sind und ob digitale Unterstützung im Alltag tatsächlich Aufwand reduziert. Genau deshalb sind Projekte wie „Ariadne“ so relevant. Sie verbinden technische Entwicklung mit empirischer Forschung und zeigen, dass gute digitale Infrastruktur mehr ist als funktionierende Software.

Die Zukunft des Stadtraums ist daher kein abstraktes Versprechen. Sie beginnt dort, wo Forschung, Gestaltung und praktische Anwendung zusammenkommen. Offene Fragen bleiben: Welche Darstellungsformate sich langfristig durchsetzen, wie stark AR-Brillen den Alltag prägen werden und wie Städte solche Technologien verantwortungsvoll integrieren können. Was sich bereits abzeichnet: Die Navigation der Zukunft wird nicht nur digitaler sein, sondern auch kontextsensitiver, personalisierter und stärker mit der realen Umgebung verbunden.